Faktencheck: darum gibt es in Kuba so viele Oldtimer

Aktualisiert: 23. Jul 2020

Blog

Der wahre Grund warum es in Kuba so viele Oldtimer gibt

Aktualisiert: 23. Jul 2020

Oldtimer gehören zu Kuba wie Salsa, Tabak und Rum. Wer den verkehr in Havanna beobachtet, fühlt sich manchmal um gut 50 Jahre in die Vergangenheit versetz. Doch warum gibt es in Kuba eigentlich so viele Oldtimer? Oder man könnte auch fragen: Warum gibt es so wenige moderne Fahrzeuge? Im Internet kursieren eine Vielzahl an verschiedenen Erklärungsansätzen und Theorien. Dieser Artikel schafft nun Klarheit, indem er zunächst die Mythen entkräftet und dann den Ursprung der vielen Oldtimer erklärt.

1. Hypothese: Kuba fehlen die Devisen

Die einen meinen den Kubanern fehle schlicht das Geld, um neue Fahrzeuge zu importieren. An und für sich eine plausible Annahme. Doch wie kann es dann sein, dass in Kuba ein schrottreifer 30 Jahre alter Volkswagen 35.000 Euro kostet? Dafür ließen sich doch im Ausland drei Neuwagen bekommen?! Da stimmt doch was nicht. Am Mangel an Geld kann es also nicht liegen...

2. Hypothese: Die Yankees sind schuld

Wenn es nicht am Geld liegt, dann könnte es doch das imperialistische Gehabe des kapitalistischen Erzfeindes sein. Schließlich boykottieren die Amerikaner die sozialistische Insel seit über fünf Dekaden wo sie nur können. Schiffe dürfen nicht in kubanischen Häfen anlegen. Firmen die mit Kuba Geschäfte unterhalten amerikanische Sanktionen. Ist das der Grund für die wenigen modernen Fahrzeuge auf Kubas Straßen?

Der zweite Blick entschärft diese Theorie. Etwa ist die gesamte staatliche Flotte der Leihwagen importiert, einige aus Fernost, andere aus Europa. Ein Import von Fahrzeugen ist also durchaus möglich. In der Tat ist es so, dass das Embargo Kubaner nicht daran hindert im Ausland Fahrzeuge zu erwerben. Im schlimmsten Fall fallen durch die strikten Wirtschaftssanktionen die Transportkosten etwas höher aus.

3. Die Lösung des Rätsels

Der Ursprung der wenigen modernen Fahrzeuge ist dem kubanischen Wirtschaftssystem geschuldet. Nach der Machtübernahme Fidel Castros 1959 wurden nicht nur alle Produktionsbetriebe und auch der meiste Grund und Boden verstaatlicht, sondern Privatleuten wurde auch der Besitzt von Fahrzeugen untersagt. Ausgenommen von dieser Beschränkung blieben jedoch jene Fahrzeuge, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Privatbesitz befanden.

Jene Fahrzeuge im Familienbesitz, die bereits auf der Insel waren, wurden als privat ("particular") deklariert und erhielten ein "P" im Nummernschild. Bis heute blieb der private Import von Fahrzeugen bis auf wenige Ausnahmen untersagt.

Private Sammeltaxis in Varadero (2020)

Ausnahmen von dem Importverbot wurden in einigen wenigen Fällen für Kubaner geschaffen, die im staatlichen Auftrag im Ausland arbeiteten - wie etwa die berüchtigten kubanischen Mediziner. Auch wurde einige Male der zaghafte Versuch unternommen Leistungsträgern ein Import von Fahrzeugen zu genehmigen. Dieses Privileg wurde etwa Universitäts-Professoren eingeräumt.

Der größte Anteil, der nach der Revolution importierten Fahrzeuge, befindet sich jedoch im Staatseigentum. Höhere staatliche Angestellte - wovon es in Kuba viele gibt - erhalten nicht selten ein Motorrad oder ein Auto von ihrem staatlichen Arbeitgeber gestellt. In Anbetracht der sehr geringen Löhne ist ein Fahrzeug ein wichtiges Motiv für den Staat zu arbeiten.

Nicht genug Plätze: In Kuba ist der Transport ein täglicher Kampf

Im Zuge der Wirtschaftsreformen nach dem Rückzugs Fidel Castros, wurde ausländischen Autoherstellern genehmigt Fahrzeuge zu importieren und zu verkaufen. Allerdings erhob der kubanische Staat Steuern in Höhe von etwa 800 Prozent, was die Preise der Fahrzeuge in astronomische Höhen trieb. Bei Preisen von 250.000 USD für einen europäischen Kleinwagen wurden verständlicherweise kaum Fahrzeuge verkauft.

4. Die Folgen dieser Wirtschaftspolitik

Die Folgen dieser restriktiven Wirtschaftspolitik - Kubaner sprechen von einer internen Blockade - sind leere Straßen und eben die vielen Oldtimer.

Anhalter auf der Autobahn (2020)

Fast alle Oldtimer verkehren seit Jahrzehnten als Sammeltaxis und sind somit ein unerlässlicher Teil des kubanischen Personenverkehrs, der Aufgrund des Fahrzeugmangels meistens katastrophal ist.

Der Staat arrangiert sich nur mit den privaten Taxifahrern, da er selber nicht in der Lage ist den Personenverkehr abzuwickeln. Immer wieder kommt es zu Spannungen zwischen den Fahrern und der Regierung. Der Staat reguliert die selber induzierte Miesere mit immer neuen Vorschriften, Steuern und Lizenzen.

Reifenwechsel am Prado in Havanna (2019)

Die Eigentümer der Oldtimer müssen die meisten Ersatzteile im Ausland beschaffen. Vieles wird aus den USA oder aber auch aus Russland importiert. Üblicherweise reisen Kubaner in die Länder, besorgen ein paar Teile und bringen sie nach Kuba. Somit haben auch Ersatzteile exorbitante Preise, wodurch die Fahrzeuge noch teurer werden.

Ein schrottreifer Amischlitten kostet schnell 10.000 USD. Ein gepflegter Oldtimer mit neuer (gebrauchter) Technik unter der Haube, der etwa Touristen befördert, kostet ohne weiteres 30.000 USD aufwärts. Die meisten Oldtimer sind aufgrund der mangelnden Ersatzteile jedoch in einem bedauerlichen Zustand.

Die Fahrzeuge sind also eine Art Investitionsgut. Familien, die das Privileg eines eigenen Autos genießen, leben nicht selten in erster Linie von dem durch das Fahrzeug generierte Einkommen.

Eine weitere Konsequenz dieser Politik ist, dass die Ineffizienz in hohen Fahrkosten resultiert. Viele Kubaner - besonders in Havanna - müssen für den Transport einen erheblichen Anteil ihrer Einkommen aufwenden. Hinzu kommt stundenlanges Warten auf ein Fahrzeug. In vielen anderen Städten dominieren indes Pferdekutschen den öffentlichen Nahtransport.

Kutschen in Cárdenas (2020)

Der sozialistische Ansatz, dass Fahrzeuge nicht im Privatbesitz sein sollten, führt also paradoxerweise direkt in eine marktwirtschaftliche Abhängigkeit zwischen "Verbrauchern" und den "Kapitalisten", den Eigentümern der wenigen Fahrzeuge.

Fazit

Der wahre Grund für die vielen Oldtimer in Kuba ist die restriktive Wirtschaftspolitik der kubanischen Regierung, die Privatleuten de facto keinen Import von motorisierten Fahrzeugen ermöglicht.

error: